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Sailfish X: Bedienung und Erfahrungsbericht

Wie ich im Dezember 2017 schrieb, habe ich mir das alternative Smartphone-Betriebssystem Sailfish X bestellt und ausprobiert. Eine Installationsanleitung hatte ich auch hier abgeliefert. Hier nun mein Erfahrungsbericht.

Was ist Sailfish X?

Wo kommt Sailfish X her? Es gibt da erstmal das Sailfish OS von der finnischen Firma Jolla. Jolla wurde vor vielen Jahren von ehem. Nokia-Mitarbeitern gegründet um ein konkurrierendes System auf den Markt zu bringen. Technisch ist es ein GNU/Linux-basiertes Smartphone-Betriebssystem mit Qt-Quick-basierter Benutzeroberfläche.
Es hat nichts mit Android (Java) oder Google zu tun! (mit Apples iOS sowieso nicht) Grundsätzlich ist Sailfish OS auch komplett Libre Software (GNU GPL) und kann auch kostenlos herunter geladen werden. Jolla hat meines Wissens auch schon zwei Smartphones raus gebracht, die jedoch in der Leistung zu schwach waren und keine Beachtung fanden.

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Sony Xperia X Smartphones.

Sailfish X ist seit Oktober 2017 eine für das Sony-Smartphone Xperia X angepasste SailfishOS-Variante. Jolla hat mit Hilfe von Sony-Mobile-Mitarbeitern eine Portierung machen können. Unter anderem wurde Jolla mit den nötigen Treibern versorgt. Weiterhin hat die X-Variante noch MS-Exchange-Fähigkeit und eine intelligente Tastatur erhalten. Für das gesamte Paket (ohne Smartphone) muss man 49 EUR bezahlen.

Das Sony Xperia X selbst ist ein High-End-Modell aus dem Jahr 2016 und kostete zum Start ca. 600 EUR, und hat serienmäßig Android installiert. Heute ist es ein sehr gutes Smartphones für unter 300 EUR und auch noch am Markt verfügbar.

In diesem Beitrag geht es um Sailfish OS 2.1, Build 2.1.3.7 (Kymijoki) armv7hl.

Erster Start

Nach der erfolgreichen Installation des Sailfish X auf meinem neuen Xperia X, fuhr das System recht schnell hoch. Für die Erstkonfiguration ist eine Geräte-PIN und eine WLAN-Verbindung zu bestimmen.

Danach bekommt man ein interaktives Tutorial, welches einem die wichtigsten Touch-Funktionen zeigt und die man auch gleich üben kann. Denn Sailfish verzichtet in der Grundbedienung komplett auf Menüs und Buttonleisten. Es wird alles per Wischbewegungen gesteuert. Am Anfang hat mir das Sorge gemacht, das ich diese wieder vergessen könnte und deshalb nichts mehr bedienen kann. Denn man sieht ja keine grafischen Bedienelemente! Aber die einzelnen Übungen kann man beliebig wiederholen und vergessen hatte ich dann doch nichts.

Ist das Tutorial zu ende, kann man dieses aber jeder Zeit wieder als App aufrufen und üben.

Bildschirme

Wie alle modernen mobilen Betriebssysteme hat auch Sailfish einen Sperrbildschirm, der beim aufwecken des Gerätes erscheint. Er zeigt oben die Akkukapazität und Empfangsleistung an. Und natürlich wieviel Nachrichten eingetroffen sind.

Sperrbildschirm
Sperrbildschirm von Sailfish OS.

Home-Screen

Wenn man von rechts oder von links in die Mitte wischt, wird der Bildschirm entsperrt und man gelangt zum Home-Screen. Hier sind alle gestarteten Apps zu sehen. Interessant ist dabei, dass es eine Live-Ansicht ist. Das was die Apps gerade machen und anzeigen ist verkleinert zu sehen.

Homescreen
Homescreen von Sailfish OS.

App-Grid

Am Anfang hat man natürlich keine App gestartet und der Home-Screen ist dann noch leer. Wenn man vom unteren Bildschirmrand in die Bildmitte wischt, werden einem die installierten Apps angezeigt.

Event-Screen

Vom Home-Screen aus kann man auch Kurzinformationen anzeigen lassen, z.B. das aktuelle Wetter, E-Mails-Vorschau, die nächsten Termine usw. Das ist der Event-Screen. Dazu muss man vom rechten oder linken Bildrand leicht in die Bildmitte wischen ohne loszulassen. Damit wechselt man nicht komplett in diese Ansicht, sondern kann einen kurzen Blick rein werfen. Lässt man los, ist man wieder im Home-Screen. Will man im Event-Screen bleiben, muss man bis in die Bildmitte wischen.

Ereignis-Bildschirm
Ereignis-Bildschirm von Sailfish OS.

Top-Menu

Dann gibt es noch das sogenannte Top-Menu, welches das Sperren des Smartphones und ändern des Ambientes erlaubt. Dieses holt man, in dem man vom oberen Bildschirmrand zur Mitte wischt. Ein Ambiente ändert dabei die Stimmung, also Hintergrundbild und Farben (dunkel, hell, rötlich usw.). Aber auch die Konfiguration, wie „kein Klingeln bei Anruf“ usw.

Edge Swipe

Das waren die Hauptbildschirme, die universell und immer verfügbar sind. Sie lassen sich immer von einem der vier Bildschirmränder reinwischen und deshalb heißt das Edge-Swipe. Wenn man das einmal verstanden hat, ist das sehr einfach.

Edge Swipe

Die
Die vier Hauptbildschirme: Events (links), Lock (oben), Home (rechts) und Apps (unten).

Action- und Navigation-Swipe

Innerhalb der Anwendungen gibt es auch Wischgesten, diese führt man jedoch nicht vom Bildschirmrand aus, sondern innerhalb des Bildschirms. Und dort gibt es auch ein Pull-Down-Menu, welches aber nur erscheint, wenn man sozusagen den Bildschirm nach unten zieht, kommt von oben das Menü herein gefahren.

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1. Innerhalb des Bildschirms bewirkt das Wischen nach unten , das Anzeigen des sogenannten Pully-Menu. 2. Das Zurück- und Vor-Navigieren in App-Untermasken ist das waagerechte Wischen. 3. Ein langer Druck auf ein Element öffnet ein Popup-Menu.

Und so kommen wir auch schon zu einem kleinen Problem von Sailfish: wie soll man in einem Webbrowser nach unten scrollen, wenn man durch so eine Geste eigentlich das Pull-Down-Menu anzeigt?

Konzeptfehler: doppeldeutige Navigations-Geste

Wenn wir uns im Sailfish-Webbrowser befinden, offenbart sich leider ein Konzeptfehler. Die Wischgesten für z.B. Pull-Down kommen mit den Scroll-Gesten in Konflikt. Die Wischgeste ist bei Scroll-Inhalten doppeldeutig. Und deshalb lässt sich der Web-Browser von Sailfish nur so bedienen, wie er es auch auf z.B. Android macht. Mit einem Hamburger-Menü und Buttons. Das ist sehr schade, dass es hier einen Konzeptbruch gibt. Die Jungs und Mädels von Jolla müssten ernsthaft nach einer Alternative suchen, denn so ist das alles unglaubwürdig.

Stärken

Wie fühlt sich Sailfish X in der Bedienung an? Was ist gut? Das System ist sehr flott, schon alleine das Hochfahren benötigt deutlich weniger Zeit als ein Android oder iPhone. Die Bedienung ist auch flüssig, ohne Denkpausen. Das Design der Benutzeroberfläche ist irgendwie schon skandinavisch, muss man sagen. Manchmal ein wenig zu kalt. Aber es sorgt für eine weniger Überladene Benutzeroberfläche.

Die wichtigsten Apps, wie Kontakte, Kalender, E-Mail usw. sind schon vorinstalliert. Der Apps-Store (Harbor) hat einige Apps zu bieten, aber ist absolut nicht mit dem von iPhone oder Android zu vergleichen.
Dafür gibt es aber in Sailfish X eine Android-4.4-Virtualisierung, und damit kann man dann auch z.B. HERE-Maps-Navigation, WhatsApp u.a. Android-Apps installieren.

Die Fotokamera funktioniert bei Tageslicht recht gut, da konnte ich gar nicht meckern. Sobald die Lichtverhältnisse aber schlechter werden, wird die Qualität der Fotos sehr schlecht. Die Videokamera verrichtet ihren Dienst nach Vorschrift. Hier könnte man mit ein paar Algorithmen nachhelfen, die die Fotos und Videos nachbessern.

Das was aber besonders stark ist, ist der fehlende Cloud-Zwang. Man wird von Jolla oder Sailfish nicht an jeder Ecke aufgefordert irgendeine Cloud zu benutzen oder einen E-Mail-Account bei ihnen einzurichten. Jolla verdient ganz konservativ das Geld mit dem Verkauf von Sailfish-Lizenzen.

Schwächen

Jetzt noch mal ein paar Schwächen, die aber keine Konzept- oder Design-Fehler sind. Sondern einfach der fehlenden Manpower und Finanzkraft von Jolla geschuldet sind und die sich mit der Zeit hoffentlich verbessern können.

Der erste Punkt ist der Fingerabdrucksensor, dieser wird von Sailfish X leider nicht unterstützt. Das sehe ich nicht als dramatisch an, da es eine PIN auch tut. Dumm nur, dass die PIN 6-stellig sein muss (4-stellig sollte ausreichen).

Das Abspielen von Videos kommt mir ruckelig vor. Also selbst langsame Kameraschwenks werden nicht flüssig wie unter dem Xperia-Android wieder gegeben.

Die bisherigen Punkte konnte ich wirklich verschmerzen, da mir beim Kauf von Sailfish X bewusst war, ein unfertiges System zu installieren. Aber der Sailfish Web-Browser ist leider sehr langsam. Ich kann das überhaupt nicht verstehen, da dieser ja letztendlich nur von Android auf Sailfish portiert wurde. Jolla hat den ja nicht selbst entwickelt. Was auch gar nicht von ihnen zu Stämmen wäre, da ein Web-Browser sehr komplex ist.

Die schlechte Performance äußert sich darin, dass sowohl der Webseiten-Aufbau und das Scrolling langsam sind. Weiterhin dauert es mind. eine Sekunde bis der Web-Browser reagiert, auch der Zurück-Button braucht immer sehr lange bis er reagiert. Nicht mal einen visuellen Effekt gibt es, der einem „Ich habe deinen Befehl erhalten, geht gleich weiter!“ signalisieren würde. Das ist sehr ärgerlich, da das Xperia X wirklich leistungsfähig genug ist.

Der Web-Browser ist auch umständlich zu bedienen. Er passt von der GUI überhaupt nicht zum Rest von Sailfish. Ihm fehlen auch wichtige Privacy-Funktionen, die andere Web-Browser mitbringen.

Aber für fehlende Apps, muss man auf das mobile Web zugreifen können. Und das muss dann auch wirklich schnell gehen. Am Sony Xperia X liegt die schlechte Performance jedenfalls nicht. Denn wenn ich Android auf dem Xperia X installiert habe, ist der Google Chrome super flott.

Programmierung

Den einen oder anderen wird sich die Frage stellen, wie man für Sailfish OS Apps programmiert?

Erstmal handelt es sich um ein offenes und freies GNU/Linux-System. Es gibt keine obligatorische Java-Engine, wie unter Android. Meines Wissens gibt es nicht mal eine Java-VM für Sailfish OS. Jolla unterstützt offiziell zwei Programmiersprachen, nämlich Python und C++. Für die Benutzeroberfläche wird Qt Quick verwendet. Wer also unter GNU/Linux oder Qt Quick programmiert, sollte sich schnell zu Hause fühlen. Und mit Python ist auch eine leichte Sprache verfügbar.

Erstaunlicherweise ist das Sailfish-SDK sowohl für Linux als auch Windows und Mac OS X verfügbar. Ich habe es aber noch nicht ausprobiert.

https://sailfishos.org/wiki/SailfishOS

Fazit

Kann man Sailfish OS empfehlen? Für den normalen Smartphone-Anwender, der sich für Duopole, Cloud-Zwang, Privacy oder Technikbastelei nicht interessiert, ist Sailfish OS nicht zu empfehlen. Da sollte man wirklich bei Android oder iPhone bleiben, diese funktionieren ohne Einschränkungen und das sehr gut!

Alle anderen, die mit bekannten Einschränkungen leben können, gerne Basteln, sich in Foren rumtreiben wollen oder einfach mal was anderes ausprobieren wollen, kann ich das empfehlen. Es darf aber einem nicht wehtun, wenn man das Geld investiert hat. Hobbies kosten eben Geld.

Ich selber benutze zwei Smartphones parallel, Sailfish X und Android. Android funktioniert und ist der De-facto-Standard in der Smartphone-Welt. Sailfish OS ist ein Hobby-System.

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Comments

  1. amin
    amin

    26. Februar 2018 15:51

    Ein Nachtrag zum langsamen Sailfish-WebBrowser: dieser benutzt mittels Qt5-Embedding die Render-Engine Gecko von Mozilla (Firefox). Ja, der Firefox ist unter Android auch nicht der Schnellste, aber trotzdem schneller als der Sailfish-WebBrowser. Die Gecko-Engine dürfte also nur einen Teil der Schuld haben. Die miserable Reaktionsgeschwindigkeit und Rendergeschwindigkeit muss woanders liegen. https://github.com/sailfishos/sailfish-browser
    1. amin
      amin

      1. März 2018 17:32

      Mittlerweile hat jemand das Problem auch schon bei Jolla gemeldet: https://together.jolla.com/question/171114/xperia-xbug-qtwebkit-unusably-slow/
  2. amin
    amin

    1. März 2018 17:34

    Das Problem mit den ruckeligen Videos habe ich auch bei Jolla gemeldet: https://together.jolla.com/question/180459/videos-are-jerky/

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